| Pessimismus. |
|
Geschichtsphilosophie, Metaphysik und Moderne. |
|
Berlin: Akademie Verlag 1997 |
Das Buch gibt eine grundsätzliche Neubewertung der pessimistischen Metaphysik und Kulturkritik von Schopenhauer über Nietzsche und Burckhardt bis zu Spenglers Untergang des Abendlandes. Berücksichtigt werden auch bislang weitgehend unbekannte Quellen des populärwissenschaftlichen und literarischen Pessimismus im 19. Jahrhundert. Die zentrale These lautet, daß es sich hier um einen vermittelten, einen ›sekundären Pessimismus‹ handelt. Dessen Entstehung läßt sich nicht – wie bislang angenommen – aus einer Krise erklären. Entscheidend ist vielmehr ein ganz bewußt vollzogener Perspektivwechsel. Während die Leibnizsche Theodizee ebenso wie der aufklärerische Optimismus die Perspektive des von Gott wohlgeordneten Ganzen einnimmt, in dem das individuell erfahrene Böse zur unbeträchtlichen Randerscheinung deklariert wird, argumentieren die Pessimisten aus der Sicht des Individuums. Neu ist also nicht das Leid, neu ist lediglich die Bereitschaft, dieses Leid, aber auch die unerfüllten Glücksansprüche zum Maßstab zu machen, an dem die fundamentale Unzulänglichkeit des Bestehenden aufgewiesen wird.
Die schwarze Farbe, die die Pessimisten auftragen, hat mit der Wirklichkeit wenig mehr zu tun als der ältere Goldglanz. Dennoch wird hier ein wichtiger Schritt vollzogen: Die Zerstörung jener autoritativen Sinnstiftungen schafft den Raum, in der das Subjekt - als Kritiker wie als Opfer - seine Interessen und seine Sichtweise zur Geltung bringen kann.
Aus dem Inhalt:
Metaphysik und Geschichtsphilosophie - Pessimismus im 19. Jahrhundert
Metaphysischer Pessimismus - Kulturpessimismus - Dekadenz - Subjekt und Masse - Weltschmerz - Pessimismus nach der Jahrhundertwende: Konservative Entwürfe - Utopien Die Perspektive des Pessimismus
Leseprobe (p. 211-214)
Fazit:
Die Perspektive des Pessimismus
Wenn Spengler seine
Untergangsprophezeiungen zu einer Zeit entwickelt, in der er selbst davon
überzeugt ist, daß sich die historische Lage in der näheren Zukunft zum
Besseren wenden werde, dann demonstriert dies ein letztes Mal die
Unabhängigkeit der pessimistischen Wirklichkeitsdeutungen von der konkreten
historischen Situation. Ebenso wie die optimistischen Fortschrittsprognosen der
Aufklärung hatte sich der Pessimismus längst gegen die Empirie immunisiert – so
kann Spengler etwa die von ihm bewunderte Grandiosität der
Zivilisationsleistungen seiner eigenen Gegenwart mühelos als Indiz des Verfalls
interpretieren, schließlich verrate sich hier die ›sinkende Gestaltungskraft
alternder Kulturen‹.
Tatsächlich erklärt sich die
Entstehung und Ausbreitung pessimistischer Theorien in der Nachfolge
Schopenhauers aus einem ganzen Bündel von subjektiven Motiven und objektiven Entstehungsbedingungen.
Relevant sind hier vor allem die geistes- und wissenschaftsgeschichtlichen
Faktoren. Der Pessimismus setzt eine Destabilisierung der traditionellen
Metaphysik voraus, um diese Entwicklung selbst ein entscheidendes Stück
voranzutreiben. Ihren Grund hat diese Destabilisierung nicht etwa in plötzlich
über die Subjekte hereinbrechenden Entfremdungs- oder Kontingenzerfahrungen –
wenn solche Erfahrungen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nur selten
artikuliert werden, dann liegt dies einfach daran, daß für sie in jener
Metaphysik kaum ein Platz war. Vor allem zwei Gründe dürften dafür
verantwortlich sein, daß die Prämissen dieser Theorie im weiteren Verlauf
zunehmend in Frage gestellt werden: Zum einen zeigten die Erkenntnisse der
Naturwissenschaften, daß die überkommene Ordnung in vielerlei Hinsicht der
realen Komplexität des Bestehenden nicht entsprach. Zwar demonstriert die
intellektuelle Biographie Galileis, wie stark beispielsweise die prägende Kraft
der Prämisse von der metaphysischen Dignität der Kreisform war; letztlich
setzte sich jedoch die nüchterne Erkenntnis gegenüber der metaphysischen
Spekulation durch. Galileis Geschichte macht dabei auch deutlich, daß die
Überwindung der traditionellen kosmologischen und metaphysischen Vorstellungen
keineswegs als Verlust, sondern ganz eindeutig als ein Akt der Befreiung
verstanden wurde.
Eng hiermit verbunden ist
der zweite Grund. Zunehmende Aufklärung, die Erfolge der Wissenschaften und die
Einebnung gesellschaftlicher Hierarchien führten mit einer gewissen immanenten
Notwendigkeit zu einer Emanzipation des Individuums und damit notwendigerweise
zu einer sinkenden Bereitschaft, die eigenen Glücksansprüche dem behaupteten
Wohl des Ganzen zu opfern. Dies gilt um so mehr, als auch die Theoretiker des
Optimismus zuweilen geradezu ingeniöse Kunstgriffe anwenden mußten, um die
Behauptung zu retten, daß die göttliche Weisheit das Unheil der Individuen nur
um des allgemeinen Besten willen in Kauf nehme. Es bedurfte keiner Steigerung
des Unglücks oder gar einzelner Katastrophen wie des Erdbebens von Lissabon, um
die Fragwürdigkeit dieser Behauptung aufzuzeigen. Demonstriert wurde sie schon
deutlich genug, wenn sich die Vertreter dieser Position – wie Bayle – nur noch
mit einem Hinweis auf die Unvollkommenheit des menschlichen Verstandes aus der
Affäre zu ziehen vermochten.
Schopenhauer trifft also
bereits auf eine Situation, in der die Vorstellung eines von Gott
wohlgeordneten Ganzen längst in Frage gestellt ist. Sein entscheidender Schritt
besteht darin, daß er den guten Gott durch den blinden und ignoranten ›Willen‹
ersetzt. In einer Welt, die vom Schopenhauerschen ›Willen‹ regiert wird, kann
der einzelne nicht mehr erwarten, daß sein Unheil der Nachwelt zugute kommen
wird, doch er braucht sich auch nicht mehr mit derartigen Versprechungen
vertrösten zu lassen: Die Metaphysik des ›Willens‹, so hatte sich gezeigt,
schafft den Platz dafür, daß dem Leid des einzelnen auch systematische
Bedeutung zugebilligt werden kann. Mit dem Glauben an den gütigen Gott war
nicht nur die Hoffnung vergangen, daß dieser schließlich alles zum Besten
lenken werde, geschwunden war auch der Zwang, die Wirklichkeit ad maiorem
dei gloriam zu interpretieren. Fluchtpunkt der pessimistischen Geschichts-
und Wirklichkeitsdeutungen ist nicht mehr der göttliche Schöpfer, sondern das
menschliche Subjekt.
Für die Pessimisten
schwindet also die Bereitschaft zu akzeptieren, daß »alles in der Welt … irgend
wozu gut«[1] sei –
ein Glaube, der Kant dazu veranlaßt hatte, noch dem Ungeziefer eine
segensreiche Wirkung für die Volksgesundheit zuzuschreiben.[2] Kant
gibt freimütig zu, daß die Wirklichkeit dem Verlangen des Menschen nach
Glückseligkeit nicht gerecht wird, doch er rettet das Postulat der
Perfektibilität der Welt, indem er jene Perspektive für unmaßgeblich erklärt.
Schopenhauer, Hartmann, Bahnsen und Mainländer dagegen beharren darauf, daß das
Leiden des einzelnen nicht einfach durch den Verweis auf ein abstraktes Prinzip
aus der Welt geschafft werden könne, egal, ob es nun die kosmische Harmonie,
die Vorsehung oder die Freiheit ist, die dem individuellen Leiden den Glanz
höherer Bedeutsamkeit verschaffen soll. Damit korrespondiert eine Entwicklung,
die hier als Steigerung des ›Anspruchsniveaus‹ beschrieben wurde: die
Pessimisten verwahren sich nicht nur gegen die Zumutung, das Leid als sinnvoll
zu akzeptieren, gleichzeitig formulieren sie auch recht weitgehende Forderungen
an ein glückseliges Leben. Mainländer etwa akzeptiert noch nicht einmal die
Befriedigung sämtlicher sinnlichen und materiellen Bedürfnisse in einem idealen
Staat als Gewähr für ein glückseliges Leben – auch unter diesen Bedingungen sei
das Nichtsein der Welt ihrem Sein vorzuziehen, der Pessimismus bleibe also im
Recht.
Selbstverständlich gibt es
andere Möglichkeiten der Reaktion auf die skizzierte Situation – Feuerbach
steht für die Überwindung der theologischen Prämissen der Tradition, Stirners
Schrift über den Einzigen und sein
Eigentum für eine entschieden subjektivistische Perspektive. Beide
kommen ebensowenig zu pessimistischen Schlußfolgerungen wie Marx, der dem Leid
das konkrete historische Handeln entgegenstellt. Entscheidend für die
Ausbildung des Pessimismus sind daher noch zwei weitere Momente. Zum einen
bleiben vor allem die Theorien der Schopenhauer, Hartmann, Mainländer und
Bahnsen dem Erbe der traditionellen Metaphysik verpflichtet, indem sie die Welt
auf ein zentrales Prinzip zurückführen. Hatte dort der gute Gott, komme
was da wolle, die Weisheit der Weltläufte garantiert, so ist für die
Pessimisten das Schicksal der Erde und ihrer Bewohner durch den blinden und
ignoranten ›Willen‹ unwiderruflich festgeschrieben. Das Projekt der Theodizee
wird also nicht einfach aufgegeben, sondern mitsamt seinen axiologischen
Implikationen umgekehrt und neu begründet – die Rolle des Schöpfers nicht
gestrichen, sondern neu besetzt: An die Stelle des liebenden Gottes tritt der
finstere ›Wille‹. Zumindest in dieser Hinsicht erweist sich der Pessimismus als
das negative Gegenbild der traditionellen Metaphysik.
Trotz solcher Restbestände
ist nicht zu verkennen, daß Schopenhauer und seine Nachfolger zur Überwindung
bestimmter theologischer und metaphysischer Prämissen beitragen, wie sie noch die
Hegelsche Philosophie beherrschen. Keineswegs gewinnt der Pessimismus damit
einen ›unmittelbaren‹ Zugang zur realen Erfahrung, doch er zwingt zur
Auseinandersetzung mit jenen negativen Momenten der menschlichen Existenz, die
bislang ohne große Schwierigkeiten marginalisiert werden konnten. Zunächst
bleibt die Wirksamkeit dieser Einsichten gering, erst außerhalb der eigenen
Systemzusammenhänge können die Erkenntnisse der Pessimisten fruchtbar werden:
Welchen Sinn sollte es schließlich haben, sich gegen ein Schicksal aufzulehnen,
das unwiderruflich feststand?
Die Auseinandersetzung mit
dem Pessimismus läßt jedoch noch einen weiteren Komplex von Motiven
erkennen – jene Formen rhetorischer und ästhetischer Stilisierung nämlich, die
es erlauben, hier von einem ›sekundären Pessimismus‹ zu sprechen. In dem
Grauen, das die Pessimisten diagnostizieren, wird immer wieder eine gewisse
Faszination des Schrecklichen sichtbar, gleichzeitig ist hier eine Neigung zur
Selbststilisierung zu bemerken. Die Pessimisten treten auf als die einsamen
Vorkämpfer einer Wahrheit, die verkannt wird, weil die feige und verblendete
Masse das Schreckliche nicht zur Kenntnis zu nehmen wagt.
Die Pose, die die
Pessimisten dabei einnehmen, demonstriert noch einmal die Ambivalenz des
Perspektivwechsels, der hier vollzogen wird: Trägt dieser auf der einen Seite
entscheidend dazu bei, daß das subjektiv erfahrene Leid ernst genommen werden
muß, so finden hier doch auf der anderen Seite selbsternannte Heldenseelen die
Möglichkeit, sich über die Meinungen und Interessen der Mehrheit
hinwegzusetzen. Unter Berufung auf den Adel des Leids vermögen die ›großen
einzelnen‹ die Massen kurzerhand dem schlechten Bestehenden zuzuschlagen: »Das
tiefe Leiden«, so Nietzsche, »macht vornehm; es trennt.«[3] Schon
Schopenhauer war alles andere als ein Demokrat, weit deutlicher zum Ausdruck
kommen diese problematischen Tendenzen aber erst bei den Kulturpessimisten des
späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In Spenglers Untergang des Abendlandes erstarrt
der pessimistische Subjektivismus dann zur Pose des heroischen einzelnen, der
nur noch mit Verachtung auf jenes Leid der Individuen herabblicken kann, das
ursprünglich einmal zu den zentralen Motiven des Pessimismus gehört hatte.
Diese Leiden haben sich – soweit das heute zu beurteilen ist – in den eineinhalb Jahrhunderten zwischen Kant und Spengler nicht wesentlich vergrößert, die schwarze Farbe, die die Pessimisten mit einer gewissen Faszination auftragen, hat mit der Wirklichkeit wenig mehr zu tun als der ältere Goldglanz. Dennoch wird hier ein wichtiger Schritt vollzogen: Die Zerstörung jener autoritativen Sinnstiftungen schafft den Raum, in der das Subjekt als Kritiker wie als Opfer seine Interessen und seine Sichtweise zur Geltung bringen kann – hier vor allem scheint denn auch die philosophische Bedeutung dieser Tradition zu liegen.